50 Aktien fürs Leben oder lieber doch der ganze Heuhaufen?

Thumbnail: 50 Aktien fürs Leben oder lieber doch der ganze Heuhaufen. Kommentar zur Aussagekraft und Sinnhaftigkeit von Aktieninvestitionen.
Cover Capital | Ausgabe 10/2019 & 10/2020 inkl. 50 Aktien fürs Leben

Lohnt sich die Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen? In diesem Artikel erfährst du, ob es besser ist, die 50 besten Aktien fürs Leben zu suchen oder den ganzen Heuhaufen zu kaufen.

Dieser Beitrag ist erstmals am 21.10.2019 erschienen und wurde am 30.09.2020 aktualisiert.

Seit Jahren bin ich Abonnent der deutschen Wirtschaftszeitschrift Capital, die seit dem Jahr 2015 jedes Jahr „50 Aktien fürs Leben“ auswählt bzw. prämiert. Dabei werden die besten 50 Unternehmen aus einem Index mit 1.800 Unternehmen aufwendig herausgefiltert.

Die Filtermethode hat sich in den letzten Jahren kaum geändert. Dabei dürfen unter anderem die Unternehmens-Schulden nicht zu hoch sein, dass erwartete Wachstum muss passen, das Unternehmen darf nicht überbewertet sein, zwischenzeitliche Verluste müssen wieder aufgeholt sein und es muss über 25 Jahre hinweg immer eine höhere oder zumindest gleichbleibende Dividende gezahlt haben. 

Jene 50 Unternehmen, die diese Filterung überstanden haben, wurden in dem 15-seitigen Bericht als Aktien fürs Leben aufgelistet. Einige der 50 Unternehmen kennt man (zB. Siemens, Metro, Roche, Johnson & Johnson oder Danone), den Großteil aber nicht. 

Nun ja, was macht der Privatanleger jetzt mit dieser Liste?

Hast du schon Mal Aktien gekauft? Wenn ja, dann weißt du bestimmt, dass es wegen der Transaktionskosten kaum Sinn macht Aktien um weniger als 2.500€ zu kaufen. Also damit du alle 50 Unternehmen in dein Wertpapierdepot legen kannst, benötigst du mindestens 125.000€. Aber wer hat schon soviel Geld liquide?

Du müsstest dich also entscheiden, welche Aktien du kaufst. Um nicht alles auf ein Pferd zu setzen, solltest du schon mindestens fünf Unternehmen auswählen. Dann bist du ein bisschen diversifiziert. Aber welche fünf? Ich habe keine Idee, nach welchen Kriterien ich hier die „Richtigen“ (Besten) aussuchen könnte. Zufallsprinzip? Ein Unternehmen aus jeder Branche? Unternehmen aus verschiedenen Ländern/Kontinenten? Es ist eine echt schwierige Entscheidung. Schließlich geht es um mein hart verdientes Geld und das möchte ich nicht leichtfertig „falsch“ investieren.

Ich habe jedenfalls nicht die Zeit und auch kein Interesse daran, diese 50 besten Unternehmen im Detail zu analysieren um hier die 5 allerbesten Unternehmen für mich zu finden.

Vergleich mit dem Heuhaufen

Die Zeitschrift Capital startete mit der Auswahl im Jahr 2015 und ich rechne der Zeitschrift sehr hoch an, dass die Performance der vergangenen „50 Aktien fürs Leben“ ehrlich mit der eines breiten Index verglichen wird. Das ist wirklich nicht selbstverständlich. Fondsmanager machen das selten an prominenter Stelle.

Als Referenz-Index verwenden sie den allseits beliebten MSCI World-Index. Dieser beinhaltet über 1.600 Unternehmen aus 23 Industrienationen. Es sind dies die größten und liquidesten Unternehmen der Welt. Apple, Alphabet (Google), Amazon und Microsoft sind enthalten und sogar drei österreichische Unternehmen – Voest, OMV, Andritz und Erste Group – sind vertreten. Letztere machen halt insgesamt weniger als 0,05% des Index aus und haben einen vernachlässigbaren Einfluss auf die Entwicklung.

MSCI World-Index | Kursverlauf 1970 – 09/2019 in USD (inkl. Dividenden ohne Quellensteuern)

John C. Bogle, der Gründer des Vermögensverwalters Vanguard, hätte den MSCI World-Index als Heuhaufen bezeichnet. Da ist einfach alles enthalten. Capital hat also die Entwicklung der „50 Aktien fürs Leben“ aller bisherigen Jahre mit dem Heuhaufen verglichen:

Sehr löblich: Capital 10/2019 vergleicht die Entwicklung mit dem Heuhaufen

In rot siehst du, zu welcher Jahres-Auswahl sich die Rückschau bezieht. Die erste wurde in der Capital-Ausgabe 06/2015 gemacht. Vor vier Jahren. Man sieht die Top-Werte der Auswahl die deutlich über 100% zugelegt haben und die Flop-Unternehmen, die bis zu 59% in den vier Jahren verloren haben.

Interessant ist aber die gelb markierte Zeile „Im Schnitt“! Die 50 Unternehmen fürs Leben haben in den vier Jahren seit das Magazin erschienen ist um durchschnittlich 30% zugelegt. Das entspricht rund 7% pro Jahr und ist eigentlich eine super Rendite.

Viel interessanter ist jedoch die Entwicklung des MSCI World-Index in grün. Der ist im selben Zeitraum um 33% gestiegen. Der Heuhaufen hat somit die von der Zeitschrift aufwendig gesuchten Stecknadeln geschlagen. In den Jahren 2016, 2017 und 2018 zeigte sich das selbe Ergebnis. Der Heuhaufen war immer besser.

Zeitschrift Capital, Ausgabe 10/2019, Rückblick 50 Aktien fürs Leben

Wie immer, gibt es natürlich „gute Gründe“, warum die besten Unternehmen fürs Leben den Gesamtmarkt nicht schlagen. Das ist wie mit den Fondsmanagern, die auch immer gute Ausreden parat haben. Sie warten auf die Krise und schlagen dann den Markt. Leider schaffen sie es langfristig so gut wie nie.

Capital: Es hat natürlich gute Gründe, warum die Auswahl den Index (Heuhaufen) nicht schlägt.

Update 09/2020 | Zu früh gelobt

Vor einem Jahr habe ich diesen Beitrag verfasst und etwas weiter oben habe ich die Zeitschrift „Capital“ noch sehr lobend hervorgehoben. Ich schrieb, dass es nicht selbstverständlich ist, die Renditen der eigenen Aktienauswahl offen mit einem breit gestreuten Index – wie dem MSCI World – zu vergleichen.

Jetzt bin ich allerdings sehr enttäuscht. Denn „Capital“ hat nicht mehr berechnet, wie sich die 50 Aktien im Durchschnitt bis 2020 entwickelt haben. Damit ist ein Vergleich nicht mehr möglich.

Ich kann mir zwar nicht vorstellen, dass Capital-Redakteure diesen Beitrag hier gelesen haben, aber es könnte sein, dass ein paar Werbepartner den gleichen Gedanken hatten wie ich. Und dann dem Magazin nahegelegt haben, diesen Vergleich lieber nicht mehr zu ziehen. Es herrscht ja ein großer Kampf zwischen aktivem und passivem Investieren.

Allerdings ist dass nur Spekulation und es gilt natürlich die Unschuldsvermutung. 🙂

Ich bin ein Verfechter des passiven Investierens mit ETFs, weil es kaum ein Fondsmanager schafft, langfristig den Index zu schlagen. Und auch der Vergleich oben hat gezeigt, dass die 50 Aktien fürs Leben im Durchschnitt in keinem Jahr den MSCI World-Index geschlagen haben. Und wenn man als Branchenmagazin ganz offen solche Statistiken zeigt, dann ist das nicht gut für die traditionelle Branche (Banken, Versicherungen und Vermögensberater).

Aktueller Rückblick der Capital-Ausgabe 10/2020

Ich habe wirklich schon mit Spannung auf das Update zu den 50 Aktien fürs Leben fürs Jahr 2020 gewartet. Denn ich war neugierig, ob es vielleicht mit Corona zumindest eine der Aktienselektion geschafft hat, im Mittel den Index zu schlagen.

Und siehe da, wir können die Frage nicht beantworten. Im Vergleich zum oberen Bild ist sofort ersichtlich, dass die gelb markierte Zeile „Im Schnitt“ nicht mehr zu finden ist.

Die Tops und Flops helfen hier gar nichts. Leider.

Der aktuelle Rückblick zu den 50 Aktien fürs Leben macht einen Vergleich zwischen der Performance des MSCI World und der durchschnittlichen Performance der Aktienauswahl unmöglich.
Rückblick 50 Aktien fürs Leben, Capital-Ausgabe 10/2020

Unklare Aussagen über die Entwicklung

Die nachfolgende Aussage ist mehr als unklar. 75 Titel liegen über dem Benchmark. Aber wie viele liegen darunter. Wir wissen nicht, wieviele Unternehmen in diesen 5 Jahren insgesamt ausgewählt wurden. Es gibt sicher einige, die in mehreren Jahren vertreten sind.

Ich vermute Mal, dass es 75 Titel von insgesamt 250 Titeln sind. Man muss den Vergleich fast auf Jahres-Basis machen. Ansonsten funktioniert es vermutlich nicht. Und wenn ich mit der Annahme richtig liege, dann haben sich 70% der Titel (Aktien) schlechter als der Index entwickelt.

Capital: 75 Titel liegen zum Teil deutlich über dem Benchmark MSCI World. Was soll denn das bedeuten? Wieviele liegen darunter? Wieviele waren es insgesamt?

Die Wahrheit werden wir wohl nie herausfinden. Es wäre mir viel zu viel Arbeit, dies mit einem Finanzterminal wie Bloomberg nachzuprüfen.

Ich bin überzeugt, dass es einen guten Grund dafür gibt, dass der Mittelwert nicht mehr dargestellt wird. Und deshalb bleibt meine ursprüngliche Aussage die selbe! Kaufe lieber den Heuhaufen per ETF im eigenen Wertpapierdepot.

Das Schöne am Heuhaufen!

Den kannst du schon um 50€ im Monat fast ohne Nebenkosten in Form eines ETF erwerben. Du brauchst weder 100.000€ um in 50 Unternehmen fürs Leben zu investieren noch Stunden an wertvoller Zeit um ein paar wenige auszusuchen. Mit einem MSCI World ETF geht’s viel einfacher und dafür hast du langfristig höchstwahrscheinlich eine höhere Rendite bei weniger Risiko.

Fazit: Machen wir es doch wie John C. Bogle:

John C. Bogle: Suchen Sie nicht nach der Stecknadel – kaufen Sie lieber gleich den ganzen Heuhaufen.

Ich liebe es, den Heuhaufen zu kaufen 😉 Die Suche nach Stecknadeln ist mir persönlich mittlerweile viel zu aufwendig.

Starte mit dem Investieren in ETFs statt mit dem Aktien-Spekulieren

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